DiagnosticNews . März 2009 [aktuelle Ausgabe]
Editorial . Ein sozialer Unruhezustand

- Dr. Kurt Schlotthauer
Lieber Leser,
alle sprechen von der Krise. Diese macht sich in der Wirtschaft auch bereits massiv bemerkbar. Doch die arbeitende Bevölkerung dürfte bisher noch weitgehend verschont geblieben sein. Dies ist letztlich auch auf den Umstand zurückzuführen, dass mehr als 25% der französischen Arbeitnehmer beim Staat beschäftigt sind und damit vor dem Verlust ihres Arbeitsplatzes relativ gut abgesichert sein müssten.
Auch stieg der monatliche Lohnindex in 2008 um 3% und dies bei einer äußerst moderaten Inflationsrate von 1%. Die Supermarktkette Leclerc konnte im Januar 2009 sogar Umsatzzuwächse von 10% verzeichnen. Auch die Skistationen sind in diesem Winter wie seit Jahren nicht mehr ausgebucht.
Trotzdem gingen Ende Januar mehr als 2 Millionen Franzosen auf die Straße und brachten ihren Unwillen gegen das vorliegende Krisenprogramm der Regierung, das insbesondere auf Investitionen und nicht auf eine Ankurbelung des Konsums abhebt, zum Ausdruck.
Der französische Staatspräsident versuchte in einer eineinhalbstündigen Fernsehansprache, die Wogen zu glätten und berief für den 18. Februar einen Sozialgipfel mit den Gewerkschaften im Elysée Palast ein. Bei dieser Gelegenheit wurden Steuererleichterungen und Direkt hilfen für die schwächer verdienende Bevölkerung sowie eine Erhöhung der Arbeitslosenunterstützung auf 75% angekündigt.
Dennoch ist die Mehrheit der Franzosen unzufrieden. Laut einer Umfrage vom 19. und 20. Februar, die die Tageszeitung Le Figaro bei „Opinion Way“ in Auftrag gab, gehen 61% der Befragten von einem kommenden Sozialkonflikt aus, wobei 36% einen solchen sogar wünschen.
Der Handlungsrahmen der französischen Regierung ist mittlerweile jedoch äußerst eingeschränkt und lässt kaum weitere „Geschenke“ zu. Die Verschuldungshöhe und das Haushaltsdefizit, das für 2009 höchstwahrscheinlich sogar 5% des BSP ausmachen wird, haben die Alarmglocken in Brüssel läuten lassen. Der Slogan „ .... Eine außergewöhnliche Krise fordert außergewöhnliche Maßnahmen“ dürfte auf Dauer als Antwort nicht ausreichen.
Die französische Regierung ist sich dessen bewusst, aber noch nicht die Bevölkerung.
Wir wünschen Ihnen nun viel Spaß und einige weitere Anregungen bei der Lektüre der vorliegenden Ausgabe.
Ihre DiagnosticNewsRedaktion
Dr. Kurt Schlotthauer
kschlotthauer@coffra.fr


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